
„Früher war alles anders.“
Vielleicht liegt es am Alter. Vielleicht an den vielen Jahren, die inzwischen hinter uns liegen. Vielleicht aber auch daran, dass sich tatsächlich vieles verändert hat.
Die politische Stimmung. Der Umgang miteinander. Die zunehmende Schärfe in Diskussionen. Das Gefühl, dass Menschen immer häufiger nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander reden.
Und irgendwann fragst du dich:
Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns zuzuhören?
Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass selbst innerhalb von Familien Gräben entstehen.
Der eine sagt dies, der andere jenes.
Aus einem Gespräch wird ein Streit.
Und aus Menschen, die sich eigentlich nahestehen, werden manchmal Gegner.
Vielleicht verkläre ich die Vergangenheit.
Aber ich vermisse manchmal dieses Gefühl von mehr Gelassenheit im Umgang miteinander.
Dieses:
Du bist anderer Meinung als ich? Na und?
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mir hier auf Teneriffa manchmal etwas so vertraut vorkommt.
Vielleicht haben wir uns in Deutschland auch einfach daran gewöhnt, vorsichtiger miteinander umzugehen.
Was darf ich sagen?
Wie kommt das beim anderen an?
Könnte jemand etwas falsch verstehen?
Und vielleicht ist genau dadurch auch etwas verloren gegangen.
Ohne Handy. Ohne Eile. Ohne das Gefühl, dass man seine Zeit gerade sinnvoller nutzen müsste.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass man sich hier noch etwas mehr Zeit füreinander nimmt.
Ein Gespräch muss nicht immer einen Zweck haben. Man muss den anderen nicht von seiner Meinung überzeugen. Und man muss auch nicht in allem einer Meinung sein.
Man kann einfach miteinander reden.
Und vielleicht klingt das für manche völlig unspektakulär.
Für mich ist es das nicht.
Denn vielleicht war genau das einmal ganz normal.
Nicht in irgendwelchen großen politischen Entscheidungen.
Nicht darin, dass hier alles besser wäre.
Sondern in diesen ganz alltäglichen Dingen.
Vielleicht vermisse ich gar nicht die alte Zeit.
Vielleicht vermisse ich einfach ein bestimmtes Gefühl.
Dass eine andere Meinung nicht automatisch bedeutet, dass der andere ein schlechter Mensch ist.
Dass man sich begegnen kann, ohne sofort eine Schublade zu suchen.
Dass ein freundlicher Gruß noch einfach ein freundlicher Gruß sein darf.
Nicht weil hier die Welt stehen geblieben wäre.
Das ist sie ganz sicher nicht.
Auch diese Insel verändert sich. Die Menschen verändern sich. Die Preise verändern sich. Der Tourismus verändert sich. Die Insel verändert sich.
Und auch hier gibt es Probleme, über die ich mich aufregen kann.
Ein kleines Stück von früher.
Und vielleicht ist das am Ende auch eine der schönsten Seiten des Älterwerdens:
Man beginnt nicht nur zu erkennen, was sich verändert hat.
Man beginnt auch zu erkennen, was einem wirklich wichtig war.
Und was man davon behalten möchte.
Nicht eine perfekte Welt.
Nicht das Paradies.
Sondern einfach einen Ort, an dem wir uns wieder ein bisschen mehr wie Menschen unter Menschen fühlen.
Und manchmal reicht dafür schon ein freundliches:
„Buenos días.“
Vielleicht können wir die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber vielleicht können wir ein kleines Stück von dem bewahren, was wir an früher vermissen.
Ein Gespräch ohne Handy. Ein paar Minuten ohne Eile. Eine andere Meinung, die einfach eine andere Meinung bleiben darf.
Vielleicht braucht es dafür gar keine große Veränderung.
Vielleicht reicht es manchmal schon, wenn wir wieder anfangen, einander zuzuhören.
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns am meisten fehlen.
Der Nachbar, der auf einen Kaffee vorbeikam. Die Gespräche über den Gartenzaun. Das Gefühl, dass man füreinander da war, auch wenn man nicht immer einer Meinung war.
Welche Erinnerungen kommen euch in den Sinn, wenn ihr an die „gute alte Zeit“ denkt?
Ich würde mich freuen, wenn ihr ein kleines Stück eurer Geschichte mit uns teilt.
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Bernd Weisser